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Form annehmend

Ein typisches Erscheinungsbild des Wattenmeers ist die seewärtige Barriere aus sandigen Inseln und Untiefen. Sie sind das Ergebnis einer moderaten Gezeitendifferenz und eines durch Wellen vorangetriebenen Sandtransports von der offenen See her, der dann durch den Wind weiter verfrachtet wird.

Der moderate aber kontinuierliche Anstieg des Meeresspiegels hat zu einer Zunahme des Gezeitenniveaus geführt, das heute eine Bandbreite von 1,5 bis 4 Metern erreicht. Bei einem Tidenhub von unter annäherungsweise 0,5 m haben sich durchgängige Landzungen gebildet, hinter denen Lagunen entstanden sind. Ab einem Tidenhub von etwa 3,5 m bilden sich aufgrund des großen Gezeitenunterschieds keine Inseln aus Sand mehr.


 

Drei Regionen

Im südlichen Wattenmeer schützen in einer Entfernung von 5 bis 15 km vom Festland zwölf große vorgelagerte Inseln das Tidengebiet vor Wellen, die von nördlichen und nordwestlichen Winden verursacht werden. In diesem Teil des Wattenmeers gleicht der Sedimentimport aus der offenen See den Anstieg des Meeresspiegels nicht voll aus und die Inseln wandern landeinwärts.

Im mittleren Teil des Wattenmeers beträgt der Tidenhub oft mehr als 3 m. Hier gibt es vier Flussmündungsgebiete, was im Gegensatz zu den beiden anderen Gebieten größere Schwankungen im Salzgehalt zur Folge hat. Eine seewärts gewandte Kette aus Barriereinseln fehlt hier. Zudem scheint der Sedimentimport hier den Meeresspiegelanstieg auszugleichen.

Im nördlichen Wattenmeer bilden acht Inseln und höher gelegene Sandbänke in einer Entfernung zwischen 5 und 25 km vom Festland eine Barriere zum Meer hin. Sie bieten Schutz vor den Wellen, die von den vorherrschenden westlichen Winden verursacht werden. Abgesehen von überschüssigen Ablagerungen zwischen den Inseln Rømø and Fanø gleicht der Sedimentimport den Anstieg des Meeresspiegels hier im Großen und Ganzen nicht aus. Zudem sind hier mehrere Halligen (Marschinseln) über das Tidengebiet verteilt. Sie sind Überreste einer durchgängigen Marschlandschaft, die im späten Mittelalter überflutet wurde. Im Norden fallen einige Kliffkanten aus dem Pleistozän ins Meer ab.


Satellitenaufnahme vom Wattenmeer in seinen drei Regionen. albedo39 Satellitenbildwerkstatt e.K. (Ausführung), Brockmann Consult GmbH (fachliche Beratung), Rohdaten: U.S. Geological Survey.


 

Eine Aneinanderreihung von Tidenbecken

Hydrologisch gesehen besteht das Wattenmeer aus einer Kette von 39 voneinander getrennten Tidenbecken. Jedes dieser Becken weist die folgenden Merkmale auf: Salzwiesen, Wattflächen, Priele, vorgelagerte Inseln und tidenabhängige deltaförmige Bereiche.

Die Tidenbecken fügen sich in das jeweilige Gebiet aus vorgelagerten Inseln und höher gelegenen Sandbänken ein. Das Wasser wird mit Druck zwischen diese Hindernisse gepresst und frisst Durchlässe von bis zu 30 m Tiefe mit starken Strömungen in das Watt. Hinter der Barriere aus Inseln verzweigen sich die meisten Durchlässe in tidengeprägte Rinnen, die sich wiederum in einem wiederkehrenden verzweigten Muster in sukzessiv kleiner werdende Priele und Rinnsale verzweigen.


Verteilung der 39 Tidenbecken im Wattenmeer. CWSS.


 

Ein Dreiklang aus Wellen, Gezeiten und Wind

Wellen, Gezeiten und Wind sind bedeutende prägende Elemente des Wattenmeergebiets. Ihr Wechselspiel bestimmt das tägliche Erscheinungsbild des Wattenmeers.

Zweimal täglich bewegt die einlaufende Tide durchschnittlich 15 km³ Meerwasser durch die Wattrinnen und Priele in das Tidenbecken, in dem in etwa dieselbe Wassermenge bei Ebbe verbleibt. Folglich befinden sich bei normalem Hochwasser bis zu 30 km³ Wasser im Watt.

Starke auflandige Winde können jedoch zusätzlich Wasser in das Wattenmeer drücken und ein Hochwasser von bis zu 4 m über Normal verursachen. Wenn diese vorherrschenden westlichen Winde anhalten, stehen die Wattflächen oft über mehrere Tage hinweg unter Wasser. Das ist einer der Gründe, weshalb im Tidengebiet des Wattenmeers eher Meeresorganismen als terrestrische Lebewesen vertreten sind.

Starke ablandige Winde aus dem Osten kommen seltener vor. Wenn sie jedoch auftreten, können sie das Niedrigwasser auf bis zu 1,5 m unter Normal drücken. An solchen Tagen bleiben höher gelegene, normalerweise bei Hochwasser überflutete Sandbänke und Wattflächen trocken und der Fährverkehr zu einigen Inseln muss unterbrochen werden.

Aufgrund von Stürmen und dem sich ändernden Meeresspiegel unterliegt die Geomorphologie des Wattenmeers einer ungeheuren Dynamik. Täglich kann es sich von einer anderen Seite zeigen. Im Verlauf der Zeit bilden sich neue Inseln, andere wiederum verschwinden, wie z.B. Bosch (NL) und Buise (DE). Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen so abwechslungsreichen und dynamischen Küstenstreifen in dieser Ausdehnung.